Akupunktur

Der Begriff Akupunktur leitet sich ab vom lateinischen acus (Nadel) und pungere (Stechen). Die Akupunktur ist eine Therapiemethode aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (➔ TCM). Das richtige Einstechen kaum spürbarer Nadeln vermag die Energie (➔Qi) im Körper zu bewegen. So kann ein körperliches, seelisches oder geistiges Ungleichgewicht zurück zur Balance finden.
Vergleichbar mit Flüssen und Bächen fliesst das Qi in Energieleitbahnen (➔ Meridiane) und kann durch über 360 verschiedene Akupunkturpunkte stimuliert werden. Die Punkte der Mikrosysteme wie Ohrakupunktur oder Handakupunktur sind hier nicht mitgezählt. Das Meridiansystem funktioniert wie ein komplexes Netzwerk, welches sich im Körperinneren und auf der ganzen Körperoberfläche ausbreitet.
Die Einstiche der Nadeln verursachen nur selten Schmerzen. Patienten spüren ein leichtes Ziehen oder ein feines elektrisches Gefühl, wenn die gesuchte Stelle erreicht ist. Mit der Akupunktur verwandt sind die Elektroakupunktur und die ➔ Laserakupunktur. Die Elektroakupunktur arbeitet mit sehr schwachen elektrischen Impulsen, die dem Körper über die Nadeln zugeführt werden. Die Laserakupunktur eignet sich besonders gut für Kinder und Erwachsene mit Angst vor Nadeln. Anstelle von Nadeln werden die Akupunkturpunkte mit medizinischem Laserlicht stimuliert.
Wie alt ist Akupunktur?
Wie lange die Heilmethode der Akupunktur schon angewendet wird, kann nicht genau gesagt werden. Je nach Quelle spricht man davon, dass die chinesische Medizin und ihre verschiedenen Methoden ca. 2‘300 Jahre alt sind. Diese Annahme richtet sich jedoch lediglich nach einem der bedeutendsten Werke der chinesischen Medizintheorie, dem „Huangdi Neijing“ (➔ Was ist Qi).
Geht man weiter zurück in die Vergangenheit, so sind die ältesten Zeitzeugen zugespitzte Steine und Steinsplitter: Funde aus Gräbern die mehr als 10‘000 Jahre alt sind. Die Ursprünge der chinesischen Medizin und Mythologie werden mit Schamanismus und Ahnenkult in Verbindung gebracht. In welcher Komplexität die Akupunktur zu jener Zeit praktiziert wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.
Dank „Ötzi“, dem alten Steinzeitmenschen, den man aufgrund des Gletscherrückgangs am 19.09.1991 im Tiroler Ötztal fand, kann heute mit grosser Sicherheit gesagt werden, dass die Akupunktur mindestens 5‘300 Jahre alt ist.
Kaum ein anderes archäologisches Forschungsobjekt wurde so genau untersucht wie „Ötzi“. Also fand man heraus, dass der ca. 40 Jahre alte Mann aus dem Südtirol zu Lebzeiten vor allem an zwei Beschwerden litt: An einem Bandscheibenverschleiss und einem durch Parasiten verursachten Verdauungsleiden.
Erstaunlicherweise entdeckte man tätowierte Akupunkturpunkte im Lumbalbereich des Rückens und an den Fussgelenken. Sämtliche Tätowierstellen wurden erfasst, vermessen und fotografiert. Die Zuordnung zu klassischen Akupunkturpunkten wurde erläutert und tabellarisch festgehalten. Aus Sicht der heutigen Akupunktur wurden offenbar Punkte für die folgenden zwei Indikationen gewählt:
- Die degenerativen Veränderungen der unteren Wirbelsäule und der großen Beingelenke.
- Die gastrointestinalen Beschwerden.
Die aus Sicht der Akupunktur interessanteste Erkenntnis war, dass am Mann aus dem Eis offenbar nicht nur die einfache “Ashi-Technik“ (Behandlung schmerzhafter Körperstellen), sondern eine komplexe Therapie mit konstitutioneller Behandlung inklusive Fernpunkten angewandt wurde. Damit erscheint es wahrscheinlich, dass bereits zu dieser Zeit in Mitteleuropa eine Akupunkturmethodik praktiziert wurde, die nicht nur symptomorientiert, sondern auch ursächlich-konstitutionell wirkte. Das würde aber wiederum voraussetzen, dass die Ursprünge der Akupunktur noch viel weiter zurückreichen, denn eine konstitutionelle Behandlung erfordert zwangsläufig jahrhundertelange Beobachtung und Erfahrung.
Es wäre also nicht übertrieben zu sagen, dass die Akupunktur über 5000 Jahre alt ist.
Die Wirksamkeit der Akupunktur aus naturwissenschaftlicher Sicht
Mit der steigenden Nachfrage nach Akupunktur im Westen, wurde auch die Frage über die Wirksamkeit der Nadeltherapie immer öfter gestellt. Da sich die Akupunktur über Jahrtausende durch die Empirie gezielter Beobachtungen ihren Status als bewährte Medizin erhielt und sich nicht über Laborversuche und Doppelblindstudien weiterentwickelte, stellt es für unsere heutige Wissenschaft eine Herausforderung dar, die richtigen Parameter für Überprüfung und Verifizierung festzulegen.
Wie soll man die Wirksamkeit der Akupunktur messen, um dieses uralte Wissen zu entmystifizieren? Ist es überhaupt möglich, mit konventionellen standardisierten Versuchen die komplexen Prozesse zu erklären? Denn die chinesische Medizin basiert weder in ihrer Theorie noch in ihrer Philosophie auf der westlichen Sicht physiologischer Prozesse. Sie sieht den Menschen vielmehr als ein subtiles Energiesystem in einer energetischen Anatomie.
Wird es möglich sein, die Vorwürfe des Placeboeffektes, der Suggestibilität oder der Hypnose zu entkräften? Bisherige Untersuchungen und klinische Beobachtungen kamen zum Ergebnis, dass die Akupunktur über verschiedenste Wirkungsmechanismen verfügt.
Heute weiss man:
- dass an Akupunkturpunkten der elektrische Hautwiderstand niedriger ist im Vergleich zur umgebenden Haut.
- dass viele Akupunkturpunkte sogenannten Triggerpunkten entsprechen.
- dass über die Stimulation des Nervus sympathicus die Durchblutung in der Peripherie verbessert wird.
- dass über die neuro-anatomische Entsprechung gemäss segmentaler Wirkung nach Head/Mc Kenzie, die Akupunktur auf die Organe Einfluss nehmen kann.
- dass eine immun-modulatorische Wirkung durch die Akupunktur erreicht werden kann, was positive Effekte bei Allergien und Immundefizienz erkennen lässt.
- dass eine vegetativ-homöostatische Wirkung erreicht werden kann, was einen ausgleichenden Effekt, z.B. auf Blutzucker und Blutdruck hat.
- dass über die Stimulation der Akupunkturpunkte verschiedene Neurotransmitter und Hormone beeinflusst werden:
Zum Beispiel Serotonin, Cortison, Endorphin und Oxytocin. Durch die freigesetzten Endorphine reduziert sich die Reizempfindlichkeit, was die Akupunktur in der Schmerztherapie populär machte. Auch beim Serotonin geht man von einer positiven schmerzmodulierenden Wirkung aus, zum Beispiel in der Behandlung von Migräne. Der Oxytocin- vermittelte Mechanismus kommt in seiner Wirkung unter anderem bei der Geburtseinleitung, beim Milcheinschuss oder für den Ausgleich der Psyche zum Tragen.
Wäre die westliche Medizin bereit, in interdisziplinärer Manier über den Zaun zu schielen, so würde sie erkennen, dass die moderne Physik in ihren Konzepten dem asiatischen Denken nicht unähnlich ist. Es sei mir erlaubt an dieser Stelle etwas philosophisch zu werden: Es gibt keine grössere Zahl als EINS! Alles ist EINS. Auch die Quantenphysik anerkennt, dass alles miteinander verbunden sein muss. Damit Sterne und Planeten sich nicht einfach voneinander entfernen oder auseinander fallen, muss viel mehr Masse vorhanden sein, als jene die wir optisch in Form von Materie wahrnehmen: Dunkle Materie – sie durchdringt das gesamte Universum und hält es zusammen. Die moderne Physik wird in diesem Sinne philosophischer als die Philosophie selbst: Alles ist miteinander verbunden und in ständigem Wandel der Polaritäten; dunkel und hell, fester und flüchtiger Form, kalt und heiss; ➔ Yin & Yang, angetrieben von der alles durchdringenden Energie; ➔ Qi.
Solange jedoch die westliche Medizin die Dinge isoliert von ihrer Umgebung betrachtet, ihren Fokus auf Reduktion und Analyse hält, so lange wird das tiefere Verständnis der Chinesischen Medizin, welche durch Intuition und Synthese eine übergreifende, ganzheitliche Sichtweise einnimmt, verborgen bleiben.